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Industriezeitschrift

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Scope 3 Emissionen: Definition, Kategorien und Erfassung

Scope 3 Emissionen umfassen alle indirekten Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette, die nicht unter direkter Kontrolle des Unternehmens stehen. Sie können bei vielen Unternehmen den größten Teil des Corporate Carbon Footprint ausmachen. Das Greenhouse Gas Protocol definiert 15 Kategorien – von eingekauften Waren über Transport bis zur Produktnutzung.

· 9 Min. Lesezeit
Industrielle Lieferkette mit Produktionsanlagen, Containern und Transportfahrzeugen zur Darstellung von Scope 3 Emissionen
KI-generiertes Bild
Inhalt
  1. Was sind Scope 3 Emissionen? Definition und Abgrenzung
  2. Die 15 Kategorien von Scope 3 Emissionen im Überblick
  3. Wie Sie Scope 3 Emissionen erfassen: Methoden und Datenquellen
  4. Rechtliche Anforderungen: Wann müssen Sie Scope 3 bilanzieren?
  5. Praxistipps: So starten Sie mit der Scope 3 Erfassung

Das Wichtigste in Kürze

  • Scope 3 umfasst alle indirekten Emissionen vor- und nachgelagerter Wertschöpfungsstufen außerhalb der Unternehmenskontrolle
  • 15 Kategorien: 8 vorgelagert (z. B. Einkauf, Transport), 7 nachgelagert (z. B. Produktnutzung, Entsorgung)
  • Wesentlich für Industrie: Kategorien 1 (Einkauf), 3 (Energie), 4 (Transport), 11 (Produktnutzung)
  • CSRD verpflichtet berichtspflichtige Unternehmen seit 2024/2025 zur Offenlegung wesentlicher Scope 3 Kategorien
  • Start: Wesentlichkeitsanalyse, ERP-Daten nutzen, Emissionsfaktoren-Datenbanken für fehlende Lieferantendaten

Was sind Scope 3 Emissionen? Definition und Abgrenzung

Scope 3 Emissionen sind alle indirekten Treibhausgasemissionen, die entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen und nicht unter dessen direkter Kontrolle stehen. Sie unterscheiden sich von Scope 1 (direkte Emissionen aus eigenen Anlagen wie Heizkessel oder Fuhrpark) und Scope 2 (indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom oder Fernwärme).

Das Greenhouse Gas Protocol definiert Scope 3 im Corporate Value Chain (Scope 3) Standard. Dieser Standard ist weltweit die wichtigste Grundlage für die Bilanzierung von Wertschöpfungskettenemissionen.

Scope 3 Emissionen können bei vielen Unternehmen den größten Teil des Corporate Carbon Footprint ausmachen. Laut Carbon Trust liegt der Anteil je nach Branche und Geschäftsmodell häufig zwischen 70 und 90 Prozent der Gesamtemissionen. Für produzierende Unternehmen stammen diese Emissionen vor allem aus eingekauften Rohstoffen, Vorprodukten, Transport und der Nutzungsphase verkaufter Produkte.

Die Erfassung von Scope 3 ist anspruchsvoller als die von Scope 1 und 2. Sie benötigen Daten von Lieferanten, Kunden und anderen externen Partnern. Gleichzeitig sind diese Emissionen für viele Unternehmen der größte Hebel zur Reduktion des CO₂-Fußabdrucks.

Die 15 Kategorien von Scope 3 Emissionen im Überblick

Das Greenhouse Gas Protocol teilt Scope 3 Emissionen in 15 Kategorien ein: 8 vorgelagerte (Upstream) und 7 nachgelagerte (Downstream) Bereiche. Diese Struktur hilft Ihnen, alle relevanten Emissionsquellen entlang der Wertschöpfungskette systematisch zu erfassen.

Vorgelagerte Kategorien (Upstream)

Vorgelagerte Emissionen entstehen, bevor Produkte oder Dienstleistungen Ihr Unternehmen erreichen:

Kategorie 1: Eingekaufte Waren und Dienstleistungen
Alle Emissionen aus der Herstellung eingekaufter Produkte, Rohstoffe und Dienstleistungen. Für Industrieunternehmen oft die größte Einzelkategorie.

Kategorie 2: Kapitalgüter
Emissionen aus der Herstellung von Anlagegütern wie Maschinen, Gebäuden oder IT-Infrastruktur.

Kategorie 3: Energie- und brennstoffbezogene Aktivitäten
Vorgelagerte Emissionen aus Gewinnung, Produktion und Transport von Energieträgern, die nicht in Scope 1 oder 2 erfasst sind.

Kategorie 4: Vorgelagerter Transport und Distribution
Transport von Waren zwischen Lieferanten und Ihrem Unternehmen sowie interne Logistik durch Dritte.

Kategorie 5: Im Betrieb anfallender Abfall
Entsorgung und Behandlung von Abfällen, die in Ihren eigenen Betrieben entstehen.

Kategorie 6: Geschäftsreisen
Emissionen aus Dienstreisen Ihrer Mitarbeiter (Flug, Bahn, Mietwagen, Hotel).

Kategorie 7: Pendelfahrten der Mitarbeiter
Emissionen aus dem Arbeitsweg Ihrer Beschäftigten.

Kategorie 8: Angemietete oder geleaste vorgelagerte Sachanlagen
Emissionen aus dem Betrieb von Anlagen, die Sie als Mieter nutzen (z. B. angemietete Produktionshallen).

Nachgelagerte Kategorien (Downstream)

Nachgelagerte Emissionen entstehen nach dem Verkauf Ihrer Produkte oder Dienstleistungen:

Kategorie 9: Nachgelagerter Transport und Distribution
Transport Ihrer Produkte vom Werkstor zum Endkunden.

Kategorie 10: Verarbeitung verkaufter Zwischenprodukte
Emissionen, die bei Kunden durch die Weiterverarbeitung Ihrer Produkte entstehen.

Kategorie 11: Nutzung verkaufter Produkte
Emissionen während der Nutzungsphase Ihrer Produkte beim Endkunden (z. B. Stromverbrauch von Maschinen, Kraftstoffverbrauch von Fahrzeugen).

Kategorie 12: End-of-Life-Behandlung verkaufter Produkte
Entsorgung, Recycling oder Verbrennung Ihrer Produkte am Ende der Lebensdauer.

Kategorie 13: Vermietete oder geleaste nachgelagerte Sachanlagen
Emissionen aus dem Betrieb von Anlagen, die Sie als Vermieter bereitstellen.

Kategorie 14: Franchises
Emissionen aus dem Betrieb von Franchise-Nehmern.

Kategorie 15: Investitionen
Emissionen aus Beteiligungen, Finanzanlagen oder Projektfinanzierungen.

Welche Kategorien sind für Industrieunternehmen wesentlich?

Für produzierende Unternehmen sind typischerweise vier Kategorien besonders relevant:

  • Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) kann je nach Branche einen erheblichen Teil der Scope 3 Emissionen ausmachen
  • Kategorie 3 (energie- und brennstoffbezogene Aktivitäten) ist relevant bei hohem Energiebezug
  • Kategorie 4 (vorgelagerter Transport) bei komplexen Lieferketten mit langen Transportwegen
  • Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte) bei energieintensiven Produkten wie Maschinen oder Fahrzeugen

Sie müssen nicht alle 15 Kategorien bilanzieren. Das GHG Protocol erlaubt den Ausschluss von Kategorien, wenn diese nachweislich nicht wesentlich sind. Eine Wesentlichkeitsanalyse hilft Ihnen, die relevanten Kategorien zu identifizieren.

Kategorie

Beschreibung

Beispiel Industrieunternehmen

Typische Datenquelle

1: Eingekaufte Waren

Herstellung eingekaufter Produkte

Stahl, Kunststoffe, Elektronikbauteile

ERP-System, Lieferantenbefragung

2: Kapitalgüter

Herstellung von Anlagegütern

Produktionsmaschinen, Gebäude

Investitionscontrolling, Emissionsfaktoren

3: Energie-Aktivitäten

Vorgelagerte Energiebereitstellung

Stromerzeugung, Gasförderung

Energieversorger, Emissionsfaktoren

4: Vorgelagerter Transport

Warentransport zu Ihrem Werk

LKW-Transporte von Lieferanten

Speditionsabrechnungen, Lieferanten

5: Abfall

Entsorgung betrieblicher Abfälle

Produktionsabfälle, Verpackungen

Entsorgungsverträge, Abfallregister

6: Geschäftsreisen

Dienstreisen

Flüge, Bahnfahrten, Hotels

Reisekostenabrechnungen

7: Pendeln

Arbeitsweg der Mitarbeiter

PKW, ÖPNV, Fahrrad

Mitarbeiterbefragung

8: Gemietete Anlagen

Betrieb angemieteter Objekte

Angemietete Lagerhallen

Mietverträge, Energieabrechnungen

9: Nachgelagerter Transport

Warentransport zum Kunden

Auslieferung Fertigprodukte

Speditionsabrechnungen

10: Weiterverarbeitung

Verarbeitung bei Kunden

B2B-Zwischenprodukte

Kundenbefragung, Schätzungen

11: Produktnutzung

Betrieb verkaufter Produkte

Stromverbrauch Maschinen

Produktdatenblätter, Nutzungsszenarien

12: End-of-Life

Entsorgung verkaufter Produkte

Recycling, Deponierung

Produktdaten, Branchendurchschnitte

13: Vermietete Anlagen

Betrieb vermieteter Objekte

Vermietete Immobilien

Energieabrechnungen Mieter

14: Franchises

Betrieb von Franchise-Standorten

(für Industrie meist nicht relevant)

Franchise-Berichte

15: Investitionen

Emissionen aus Beteiligungen

Tochtergesellschaften, Fonds

Geschäftsberichte Beteiligungen

Wie Sie Scope 3 Emissionen erfassen: Methoden und Datenquellen

Die Erfassung von Scope 3 Emissionen erfordert einen strukturierten Ansatz. Sie kombinieren interne Daten mit externen Informationen und nutzen verschiedene Berechnungsmethoden je nach Datenverfügbarkeit.

Primärdaten vs. Sekundärdaten

Sie haben grundsätzlich zwei Arten von Datenquellen:

Primärdaten stammen direkt von Lieferanten, Kunden oder anderen Partnern. Ein Lieferant teilt Ihnen beispielsweise mit, dass die Herstellung einer Tonne Stahl 1,8 Tonnen CO₂ verursacht hat. Primärdaten sind genau, aber aufwendig zu beschaffen.

Sekundärdaten sind generische Emissionsfaktoren aus Datenbanken. Sie multiplizieren beispielsweise die eingekaufte Menge mit einem Durchschnittswert für die Branche. Sekundärdaten sind schnell verfügbar, aber weniger genau.

In der Praxis nutzen Sie einen Hybridansatz: Primärdaten für wesentliche Lieferanten und Kategorien, Sekundärdaten für kleinere Positionen.

Merkmal

Primärdaten

Sekundärdaten

Genauigkeit

Hoch (produktspezifisch)

Mittel bis niedrig (Durchschnittswerte)

Aufwand

Hoch (Lieferanteneinbindung)

Niedrig (Datenbanken verfügbar)

Verfügbarkeit

Begrenzt (abhängig von Lieferanten)

Gut (breite Datenbasis)

Einsatz

Wesentliche Kategorien, große Lieferanten

Screening, kleinere Positionen

Beispiel

Lieferant meldet 1,8 t CO₂/t Stahl

Emissionsfaktor 2,1 t CO₂/t Stahl (Branchendurchschnitt)

Emissionsfaktoren-Datenbanken

Wenn Sie keine Primärdaten erhalten, nutzen Sie Emissionsfaktoren aus etablierten Datenbanken:

  • GEMIS (Globales Emissions-Modell integrierter Systeme): Kostenfreie Datenbank des Öko-Instituts mit Faktoren für Energieträger, Materialien und Prozesse
  • ecoinvent: Kommerzielle Datenbank mit umfangreichen Datensätzen für Produkte und Dienstleistungen
  • DEFRA (UK Department for Environment, Food & Rural Affairs): Jährlich aktualisierte Faktoren für Transport, Energie und Materialien
  • ÖKOBAUDAT: Datenbank des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen für Baustoffe

Wählen Sie Datenbanken nach Ihrer Branche und geografischem Bezug. Dokumentieren Sie, welche Faktoren Sie verwenden, und aktualisieren Sie diese regelmäßig.

Lieferanteneinbindung in der Praxis

Für Kategorie 1 (eingekaufte Waren) benötigen Sie Daten von Lieferanten. So gehen Sie vor:

  1. Priorisierung: Identifizieren Sie Lieferanten nach Einkaufsvolumen oder geschätztem CO₂-Anteil (ABC-Analyse)
  2. Standardisierte Befragung: Nutzen Sie Fragebögen oder Plattformen wie CDP Supply Chain oder EcoVadis
  3. Datenqualität prüfen: Fragen Sie nach Berechnungsmethode, Systemgrenzen und Datenquellen
  4. Vertragliche Vereinbarungen: Nehmen Sie Berichtspflichten in neue Lieferverträge auf
  5. Unterstützung anbieten: Kleinere Lieferanten benötigen oft Hilfe bei der Bilanzierung

In der Praxis erhalten Sie anfangs häufig nur von einem Teil Ihrer Lieferanten Primärdaten. Verbessern Sie die Datenqualität schrittweise über mehrere Berichtsjahre.

Umgang mit fehlenden Daten: Spend-based Method

Wenn Lieferanten keine Emissionsdaten liefern, nutzen Sie die Spend-based Method:

Formel: Einkaufsausgaben × branchenspezifischer Emissionsfaktor = CO₂-Emissionen

Beispiel: Sie kaufen Elektronikkomponenten für 500.000 Euro. Der Emissionsfaktor für Elektronikprodukte beträgt 0,4 kg CO₂ pro Euro Umsatz. Rechnung: 500.000 € × 0,4 kg CO₂/€ = 200 Tonnen CO₂.

Die Spend-based Method ist ungenau, weil sie nicht zwischen emissionsintensiven und -armen Produkten unterscheidet. Nutzen Sie sie nur als Ausgangspunkt und ersetzen Sie die Werte schrittweise durch genauere Daten.

Eine Alternative ist die Average-data Method: Sie nutzen Durchschnittswerte für Produktkategorien (z. B. Emissionen pro Tonne Stahl) statt monetärer Faktoren. Diese Methode ist genauer, wenn Sie Mengenangaben haben.

Herausforderungen bei der Erfassung

Sie werden auf folgende Schwierigkeiten stoßen:

  • Datenverfügbarkeit: Viele Lieferanten haben selbst keine CO₂-Bilanz
  • Datenqualität: Unterschiedliche Berechnungsmethoden erschweren die Vergleichbarkeit
  • Komplexität: Globale Lieferketten mit hunderten Lieferanten sind schwer zu überblicken
  • Aufwand: Datenerhebung und -pflege binden erhebliche Ressourcen
  • Doppelzählungen: Vermeiden Sie, dass dieselben Emissionen in mehreren Kategorien auftauchen

Gehen Sie schrittweise vor: Beginnen Sie mit einem Screening aller Kategorien auf Basis von Sekundärdaten. Vertiefen Sie dann die Analyse für wesentliche Kategorien mit Primärdaten. Verbessern Sie die Datenqualität kontinuierlich.

Rechtliche Anforderungen: Wann müssen Sie Scope 3 bilanzieren?

Die rechtlichen Anforderungen zur Scope 3 Bilanzierung nehmen zu. Mehrere Regelwerke und Initiativen fordern die Erfassung von Wertschöpfungskettenemissionen.

Greenhouse Gas Protocol: Der Corporate Value Chain (Scope 3) Standard ist das weltweit führende Rahmenwerk. Die Bilanzierung von Scope 3 ist nach dem GHG Protocol optional, wird aber für eine vollständige Treibhausgasbilanz empfohlen. Wenn Sie Scope 3 bilanzieren, müssen Sie alle 15 Kategorien auf Wesentlichkeit prüfen und relevante Kategorien erfassen.

CSRD und ESRS E1: Die Corporate Sustainability Reporting Directive der EU verpflichtet bestimmte Unternehmen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Der European Sustainability Reporting Standard E1 (Klimawandel) fordert die Offenlegung wesentlicher Scope 3 Kategorien. Die Berichtspflicht gilt gestaffelt:

  • Seit Geschäftsjahr 2024: Große kapitalmarktorientierte Unternehmen (bereits nach NFRD berichtspflichtig)
  • Seit Geschäftsjahr 2025: Große Unternehmen (über 250 Mitarbeiter oder 50 Mio. € Umsatz oder 25 Mio. € Bilanzsumme)
  • Ab Geschäftsjahr 2026: Kapitalmarktorientierte KMU (mit Opt-out bis 2028)

Prüfen Sie, ob Ihr Unternehmen unter die CSRD fällt. Beachten Sie: Auch wenn Sie nicht direkt berichtspflichtig sind, können Kunden oder Investoren Scope 3 Daten von Ihnen verlangen.

Science Based Targets initiative (SBTi): Wenn Sie sich wissenschaftsbasierte Klimaziele setzen wollen, müssen Sie Scope 3 bilanzieren und Reduktionsziele festlegen, sofern Scope 3 mehr als 40 Prozent Ihrer Gesamtemissionen ausmacht. Bei den meisten Unternehmen ist dies der Fall. Die SBTi verlangt ambitionierte Reduktionsziele für Scope 3 Emissionen.

Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG): Das deutsche LkSG verpflichtet Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern zur Sorgfaltspflicht in der Lieferkette. Es enthält keine direkte Pflicht zur THG-Bilanzierung, fordert aber die Prüfung von Umweltrisiken. Scope 3 Daten können helfen, Umweltrisiken in der Lieferkette zu identifizieren.

Regelwerk

Anwendungsbereich

Scope 3 Pflicht

Zeitpunkt

GHG Protocol

Freiwillig, weltweit

Empfohlen, nicht verpflichtend

Seit 2011

CSRD/ESRS E1

EU: Große und kapitalmarktorientierte Unternehmen

Wesentliche Kategorien verpflichtend

Seit 2024/2025, ab 2026

SBTi

Freiwillig, weltweit

Verpflichtend bei >40 % Anteil

Bei Zielsetzung

LkSG

Deutschland: ab 1.000 Mitarbeiter

Keine direkte THG-Pflicht

Seit 2023

Für verbindliche Rechtsauskünfte wenden Sie sich an Fachanwälte für Umweltrecht oder die zuständigen Behörden. Die Rechtslage entwickelt sich dynamisch weiter.

Praxistipps: So starten Sie mit der Scope 3 Erfassung

Die Erfassung von Scope 3 Emissionen ist ein mehrstufiger Prozess. Folgen Sie diesen Schritten, um systematisch vorzugehen.

Schritt 1: Wesentlichkeitsanalyse durchführen

Prüfen Sie, welche der 15 Kategorien für Ihr Unternehmen relevant sind. Nutzen Sie dafür:

  • Geschätzte Größenordnung der Emissionen (Screening mit Sekundärdaten)
  • Einkaufsvolumen nach Warengruppen
  • Branchenvergleiche und Benchmarks
  • Einfluss- und Reduktionsmöglichkeiten

Dokumentieren Sie, warum Sie bestimmte Kategorien ausschließen. Das GHG Protocol verlangt eine Begründung für nicht bilanzierte Kategorien.

Schritt 2: Datenquellen identifizieren

Ermitteln Sie, wo die benötigten Daten in Ihrem Unternehmen vorliegen:

  • Intern: ERP-System (Einkaufsdaten, Mengen, Ausgaben), Reisekostenabrechnungen, Fuhrparkverwaltung, Energieabrechnungen, Abfallregister
  • Extern: Lieferanten, Speditionen, Energieversorger, Entsorgungsunternehmen

Prüfen Sie die Datenqualität und -verfügbarkeit. Identifizieren Sie Lücken und planen Sie, wie Sie diese schließen.

Schritt 3: Mit Kategorie 1 beginnen

Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) ist für die meisten Industrieunternehmen eine zentrale Position. Beginnen Sie hier:

  • Exportieren Sie Einkaufsdaten aus dem ERP-System (Lieferant, Warengruppe, Menge, Ausgaben)
  • Gruppieren Sie nach Warengruppen und priorisieren Sie nach Volumen
  • Fordern Sie von den wichtigsten Lieferanten Emissionsdaten an
  • Nutzen Sie für kleinere Lieferanten Emissionsfaktoren oder die Spend-based Method

Häufig gilt die 80/20-Regel: Ein kleiner Teil der Lieferanten verursacht den Großteil der Emissionen. Konzentrieren Sie Ihre Ressourcen auf diese.

Schritt 4: Lieferanten systematisch einbinden

Entwickeln Sie einen strukturierten Prozess:

  • Erstellen Sie einen standardisierten Fragebogen (z. B. nach CDP-Vorlage)
  • Erklären Sie Lieferanten, warum Sie die Daten benötigen (Regulierung, Kundenforderungen)
  • Bieten Sie Unterstützung an (Webinare, Leitfäden, Tools)
  • Integrieren Sie die Berichtspflicht in Lieferverträge
  • Nutzen Sie Plattformen wie CDP Supply Chain oder EcoVadis für größere Lieferantenpools

Setzen Sie realistische Erwartungen: Der Aufbau einer belastbaren Datenbasis ist ein kontinuierlicher Prozess über mehrere Jahre.

Schritt 5: Software-Tools nutzen

Für die Verwaltung von Scope 3 Daten empfehlen sich spezialisierte Carbon Accounting Plattformen:

  • Integration mit ERP-Systemen für automatischen Datenimport
  • Hinterlegte Emissionsfaktoren-Datenbanken
  • Lieferantenportale für Datenerfassung
  • Automatisierte Berechnungen und Auswertungen
  • Audit-Trail für Nachvollziehbarkeit

Wählen Sie Tools, die das GHG Protocol und ESRS E1 unterstützen. Achten Sie auf Schnittstellen zu Ihren bestehenden Systemen.

Schritt 6: Datenqualität dokumentieren und verbessern

Dokumentieren Sie für jede Kategorie:

  • Berechnungsmethode (Primärdaten, Sekundärdaten, Spend-based)
  • Datenquellen und Emissionsfaktoren
  • Annahmen und Unsicherheiten
  • Datenqualität (z. B. nach GHG Protocol Data Quality Indicators)

Planen Sie jährliche Verbesserungen: Ersetzen Sie Schätzungen durch genauere Daten, erweitern Sie den Kreis der befragten Lieferanten, aktualisieren Sie Emissionsfaktoren.

Eine vollständige Scope 3 Bilanz ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, kein einmaliges Projekt. Beginnen Sie mit einem pragmatischen Ansatz und erhöhen Sie schrittweise die Genauigkeit.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Scope 1, 2 und 3 Emissionen?

Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus eigenen Anlagen (z. B. Heizkessel, Fuhrpark). Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie (Strom, Fernwärme). Scope 3 umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette, die nicht unter direkter Kontrolle des Unternehmens stehen.

Welche Scope 3 Kategorien sind für produzierende Unternehmen am wichtigsten?

Für Industrieunternehmen sind typischerweise vier Kategorien wesentlich: Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen), Kategorie 3 (energie- und brennstoffbezogene Aktivitäten), Kategorie 4 (vorgelagerter Transport) und Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte). Eine Wesentlichkeitsanalyse zeigt, welche Kategorien für Ihr Unternehmen relevant sind.

Wie erfasse ich Scope 3 Emissionen, wenn Lieferanten keine Daten liefern?

Nutzen Sie die Spend-based Method: Multiplizieren Sie Ihre Einkaufsausgaben mit branchenspezifischen Emissionsfaktoren aus Datenbanken wie GEMIS, ecoinvent oder DEFRA. Alternativ verwenden Sie die Average-data Method mit Durchschnittswerten pro Produkteinheit. Beide Methoden sind weniger genau als Primärdaten, aber ein praktikabler Einstieg.

Bin ich gesetzlich verpflichtet, Scope 3 Emissionen zu bilanzieren?

Das hängt von Ihrer Unternehmensgröße und Rechtsform ab. Nach dem GHG Protocol ist Scope 3 optional. Die EU-Richtlinie CSRD verpflichtet große und kapitalmarktorientierte Unternehmen seit Geschäftsjahr 2024 oder 2025 zur Offenlegung wesentlicher Scope 3 Kategorien nach ESRS E1. Auch wenn Sie nicht direkt berichtspflichtig sind, können Kunden oder Investoren Scope 3 Daten verlangen.

Wie lange dauert es, eine vollständige Scope 3 Bilanz aufzubauen?

Der Aufbau einer belastbaren Datenbasis ist ein kontinuierlicher Prozess über mehrere Jahre. Im ersten Jahr erstellen Sie ein Screening mit Sekundärdaten und identifizieren wesentliche Kategorien. In den Folgejahren ersetzen Sie Schätzungen schrittweise durch Primärdaten von Lieferanten und verbessern die Datenqualität kontinuierlich.

Quellen

  1. [1]Scope 3-Emissionen · ClimatePartner · abgerufen 13. Oktober 2026
  2. [2]Wie berechne ich die Scope-3-Emissionen meines Unternehmens? · Allianz für Entwicklung und Klima · abgerufen 13. Oktober 2026
  3. [3]Was unter Scope 3 Emissionen fällt und warum sie entscheidend sind · Carbon Trust · abgerufen 13. Oktober 2026
  4. [4]Scope 3 THG-Emissionen · Umweltbundesamt · abgerufen 13. Oktober 2026
  5. [5]Scope 3 Emissionen: Die 15 Kategorien, Herausforderungen, Beispiele · DFGE · abgerufen 13. Oktober 2026
  6. [6]Scope 3 Kategorien & Best Practices für Industrieunternehmen · Tanso · abgerufen 13. Oktober 2026

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